Rinjani, der heilige Berg und ICH oder warum doch alles anders kam

Dies hier ist eine Geschichte über eine Herausforderung, die ich nicht geplant in Angriff genommen habe, sondern die sozusagen auf einer Insel zu mir kam. Und heute weiß ich, es war nicht nur ein Vulkan, eine Tour und dieser Sonnenaufgang. Es war ein für mich inszeniertes Abenteuer – Rinjani.

Rinjani Gipfeltour Teil I: Geplant war alles ganz anders

Sommer 2012, auf der indonesischen Insel Flores ist alles im Lot. Tauchen mit Turtles, russisch Rendezvous, indonesisches Inselidyll.  Mein Smartphone klingelt: „Hey Gerald, hast Du Lust, übermorgen fliege ich mit ein paar Freunden nach Lombok, wir wollen auf den Rinjani?“ Kenn’ ich nicht, da bin ich dabei.

Zwei Tage später hatte ich eine 18-stündige Schiffs- und Busreise hinter mir und saß mit dem Klingeltonverursacher und seinen Freunden auf ein Bier am Fuße des Rinjani:

3726 m, 3 Tage, 2 Übernachtungen, Tiefstwerte von etwa 0-4°C. Einer von vielen noch aktiven Vulkanen Indonesiens, gelegen inmitten der Insel Lombok, der Außengrenze Nusa Tengaras, einer Provinz, die gleichsam Flora und Fauna des Landes teilt. Vor uns Reisfelder, hinter uns der heilige Berg.

Die anstehende Vulkanbesteigung auf den Rinjani in Indonesien war nicht geplant, sie schwamm sozusagen auf dieser Insel an. Und so, wie sie da ankam, schloss ich sie in meine Arme und hieß sie willkommen. Beschlossene Sache, Start morgen 09.00 Uhr.

Die erste Etappe verlief weder stark noch smart. Eher heiß und nass, steil und unbefestigt, barfuß und Flipflop. Anfangs war es Dschungel, dann Steppe, dann Fels und später Geröll. Bis auf die „Porter“, die das Gepäck trugen und trotzdem mit ihren Socken bzw. Flipflops fast doppelt so schnell liefen, keine beunruhigenden Vorkommnisse. Die Nacht im Zelt war kalt, das Essen war Nasi-Goreng und das Trinkwasser auf Körpertemperatur. Die Abkühlung im Vulkansee auf ca. 2000m war erfrischend, die Schwefelbäder im Anschluss ein Genuss. Die Affen stahlen uns das Restessen, irgendwelche Besucher oder Porter meine Shirts. Rinjani – alles ganz normal.


Der heilige Berg und ich

Das Base Camp am Fuß des Gipfels des Rinjani ist gleichsam das Basislager in dieser nun folgenden Geschichte. Von hier an wird alles anders. Keine Affen, kein Dschungel, kein Weg. Nur noch Wind, Stein, Asche und Vulkan. Der vom Pazifik aufsteigende Wind ließ erhebliche Zweifel aufkommen, ob das mit Standard-Heringen befestigte Zelt die ohnehin nur 3 Stunden Schlaf halten oder meine Reise vorab luftige Dimensionen annehmen würde. Ich sah mich im Zweimannzelt über die Reisfelder Indonesiens schweben, getragen von Thermik, Illusion und Gipfelwahn.

Zugleich war das Lager ein Highlight meiner Tour auf den Rinjani. Jede Menge Leute, das Bier zu Mondpreisen, die Stimmung eine Mischung aus Vorfreude, Erschöpfung und Torschlusspanik. Ist es doch die erste und letzte Nacht am Fuße des heiligen Berges Rinjani. Am besten alles aufsaugen, mitnehmen, einsammeln und im Ordner „einmalige Erlebnisse“ im Langzeitgedächtnis speichern.

Emotionsstorage: das neue Geschäftsmodell der Freizeitindustrie und mitten drin war ich, auf meiner eigenen customer journey. Ich schweife ab, zurück zum Berg.

Ein Mob aus Touristen und Einheimischen belagert den dünnen Kraterrand, seit 18.00 Uhr ist es stockdunkel. Es gibt noch eine Kleinigkeit zu Essen und ein Bier, dann geht’s ab ins Zelt.

Punkt 02.00 Uhr nachts klingelt mein Handywecker und unsere Guides laufen von Zelt zu Zelt, um die „Reisegruppe Rinjani“ zusammenzutrommeln.

Leicht flau ist mir im Magen, zu wenig Schlaf, zu viel Dreck im Essen, zu wenig Sicht auf über 2000m.


Und dann kam alles anders

Die ersten Meter schleichen wir am Kraterrand des Rinjani entlang, durch dicke von getrockneter Lava aufgestaute Mauern. 2.30 Uhr morgens, lediglich das leise Funkeln der Sterne schenkt einen Hauch von Orientierung. Schwarz, wohin das Auge reicht. Der Boden gleicht einem Laufband aus feinem Sand. Zwei Schritte vorwärts, mindestens einen zurück. Und das bereits bei leichter Steigung am Fuße des Aufstiegs. Das kann ja was werden.

Eine halbe Stunde später schlängelt sich die Bergparade bereits einen schmalen Grat entlang in Richtung Gipfel des Rinjani. Gefühlte 20% Steigung auf bereits mehr als 3000 Höhenmetern bringen Lunge und Kreislauf auf Touren. Bei jedem Schritt denke ich an Sisyphos, nur fehlt mir jegliche Erinnerung an meine Schandtat.

Der Wind peitscht von links die Geröllpiste hinauf. Untereinander ist kein einziges Wort zu verstehen. Vor mir schlappen müde Beine den Aschepfad hinauf, neben mir sehe ich die nach vorn gebeugtem Körper meiner Weggefährten. Ich selbst komme mir vor, als träte ich auf der Stelle, immer weiter in den Boden sinkend, während der Wind mir Asche ins Gesicht, die Ohren, die Augen und durch die kleinste Ritze meiner Jacke bläst. Gäbe es Mittelerde wirklich, befände ich mich bei orkanartigen Böen im Aufstieg zum Schicksalsberg. „Sam, wo bist Du, Du faule Ratte!?“ Keine Orks, kein Sam, kein Ring. Dafür Kopfschmerzen, Atemnot und Müdigkeit.


Exkurs: Kleiderordnung

Bislang verlor ich kein einziges Wort über die Vorbereitung meiner Tour und die damit einhergehende Verlustmeldung der Packliste. Spätestens in der ersten Nacht wusste ich, dass Hose, T-Shirt und Trekkingschuh in dieser Höhe bei nahezu null Grad tödlich hätte enden können. Naja, vielleicht nicht tödlich, aber mindestens töricht. Was für einen entspannten Sommerurlaub unangenehm genug ist. Zum Glück konnte ich vor Antritt zum Gipfel des Rinjani, übrigens von der attraktivsten Reisebegleitung der Welt, eine Jacke leihen. Diese gaukelte mir vor, sie schütze mich vor Wind und Wetter. Ich lernte schnell: Gedanken wärmen mehr als Polyester – auch am Rinjani!


Die Ruhe mitten im Sturm

Zurück am Berg, zurück in der Realität. Im Getöse aus Wind und Vulkanasche stelle ich fest, dass ich wie taub bin.  Es fühlt sich an wie Naked Bike bei über 200km, egal ob mit oder ohne Helm. Keine Sicht, kein Gehör, nur Tunnel und ohrenbetäubender Lärm. „Deaf, dumb, blind“ sangen Crossover Helden meiner Jungend. Am Schicksalsberg ergänze ich diese Zeile durch „müde, matt und man-sollte-hier-tatsächlich-nicht-ohne-Taschenlampe-laufen“. Egal, ich höre Stimmen.

„Ach komm, einmal kurz hinlegen und ausruhen.“ Eine sanfte innere Stimme, wie ein Ohrfick der Extraklasse. Ich kann nicht anders und gebe nach.

Langsam lasse ich mich auf die Knie sinken, stütze meine Hände in die weiche Asche und lasse mich zu Boden gleiten. Immer tiefer und tiefer, bis sich auch mein Gesicht warm und weich in Rinjanis alter Haut vergräbt. Und dann: Stille. Kein Wind, keine Asche, kein Schicksal, keine Zweifel. Nur noch Stille.


Rinjani Gipfeltour Teil II: Ich verliere die Hoffnung

Zwei Tage Auf- und Abstieg in den Knochen, etliche Nasi Goreng, 2 kurze Nächte im Zelt, lauwarmes Wasser und nun inmitten dieses Sturms aus Asche, Wind, Kälte und des Gefühls, keinen Zentimeter vorwärts zu kommen, ereilt mich zum ersten Mal in meinem Leben der Gedanke aufzugeben: „Da hast Du Dir zu viel vorgenommen, mein Lieber. Hier ist jetzt Schluss. Der Rinjani will es so! Den Sonnenaufgang kannst Du auch von hieraus sehen.“ Ich bin vom Schweiß durchnässt, alles ist kalt, alles ist laut, alles ist müde.

Am Boden, mit dem Ohr wie mit der Moral, heiße ich auf irgendeine Art und Weise das Gefühl des Aufgebens willkommen.


Über die Grenze, das Erleben und den Respekt

Schon oft im Leben habe ich mich nahe der Grenze wiedergefunden: Geht noch was? Wie weit kommst Du noch? Habe es immer durchgezogen oder gar nicht erst in Angriff genommen. Dieses Delta zwischen „gar nicht erst anfangen“ und „da muss ich jetzt durch“ war ein weißer Fleck auf der Landkarte. Weniger noch, ein nicht im Rahmen der Möglichkeiten liegendes Erfahrungsspektrum. So wie Amerika 1328: nicht existent, nicht im Kopf, daher nicht auf dem Globus.

Auf dem Rinjani 2012 entdeckte ich etwas, worüber ich vorher noch nie nachdachte. Etwas, das ich noch nie erlebt hatte. Einen Ort, den ich noch nie zuvor in mir gesehen hatte. Er heißt Loslassen, Annehmen und Sein ohne Wollen.

Das Loslassen einer fixen Idee. Das Annehmen der neuen Situation. Und genau dort zu sein und nichts anderes zu wollen. Bis heute erinnere ich diesen Moment als eine innere Stärke. Ich reise seither oft zurück an diesen Ort, meist ohne ihn zu finden. Wahrscheinlich, weil ich noch immer entweder nicht anfange oder dann eben nicht aufhöre. Zumindest weiß ich heute, dass es ein dazwischenliegendes Schwellenland gibt, das die Suche entlohnt.

Oben war ich trotzdem. Aber das ist hier nicht der Gipfel der Geschichte.