Kann man mit ALDI Laufschuhen Ultramarathon laufen?

Mit Aldi Laufschuhen einen Ultramarathon laufen? Ich habe es getan. Und damit habe ich nach Meinung der meisten Läufer etwas Unglaubliches getan. Der Grund dafür ist, dass Laufschuhe von Aldi, Lidl und Co. in der Läuferszene absolut verpönt sind. Für kaum einen seriösen Läufer stellen die Aldi Laufschuhe eine ernstzunehmende Option dar.  Ist dieses schlechte Image berechtigt? Taugen Aldi Laufschuhe wirklich nicht für anspruchsvolle Läufer? Oder sind sie vielleicht doch besser als ihr Ruf?

Auch Laufschuhe sind Kopfsache

“Du willst wirklich mit ALDI Laufschuhen einen Ultramarathon laufen?” Die Miene meines Schwagers sprach Bände, als ich ihn von meinem Vorhaben erzählte. Dabei hatte er mich erst auf die Idee gebracht.

Als Triathlet mit reichlich Ironman Erfahrung, kannte er sich mit Laufschuhen bestens aus. Ich wusste auch, dass er immer ein Paar Aldi Laufschuhe für extreme Schlechtwettertage parat hat. Als Matschlaufschuhe sozusagen. “Aber nur für die kurzen Trainingsläufe bis 10 Kilometer. Dafür sind die voll okay”, sagert er.

Die Herausforderung

Ich mache mir immer gerne selbst ein Bild. So auch in diesem Fall. Es reizte mich herauszufinden, ob man in Aldilaufschuhen eine längere Distanz unbeschadet laufen kann.

Daher stand schnell fest: die Aldi Laufschuhe sollten ihre Chance bekommen. Ich würde sie erst systematisch im Training und dann über eine Distanz von 50km einsetzen.

Natürlich nicht ganz uneigennützig. Habe ich doch schon seit vielen Jahren einen ziemlichen Verschleiß an Laufschuhen. Und dieser geht ganz schön ins Geld.

Läufer sind Opfer

Das mag vielleicht hart klingen, aber es stimmt. Um Laufschuhe wird ein riesiger Hype gemacht. Klar, verdienen die Sportartikelindustrie doch kräftig daran. Und da Läufer im Zuge ihrer sportlichen Selbstoptimierung keine Chance zum Leistungstuning ungenutzt lassen, ist die Nachfrage nach dem optimalen Laufschuh groß.

Für jede Abweichung von der Norm gibt es einen Spezialschuh

Läufer delegieren ihre Leistungskompetenz gerne an den Laufschuh. Zumindest teilweise. Im Zuge der sportlichen Selbstoptimierung sind wir immer auf der Suche nach dem perfekten Laufschuh. Der soll die Leistung maximieren, die Anstrengung und das Verletzungsrisiko minimieren.

Und dass hat sich die Laufschuhindustrie perfekt zu nutze gemacht. Das Resultat: eine Flut an Laufschuhe mit den unterschiedlichsten Korrektur- und Stürzungsfunktionen. Und ebenso ein Hype um die perfekte Dämpfung. Wissenschaftlich schon immer umstritten, weiß man heute: beides ist Quatsch.

Ich habe diesbezüglich schon vor vielen Jahren meine Erfahrung gemacht, als ich als Läufer mit Überpronation auf neutrale Laufschuhe umgestiegen bin. Innerhalb kürzester Zeit waren meine Knie- und Schienbeinprobleme verschwunden.

Warum du immer die Laufschuhe bekommst, die du erwartest

Es mag hart klingen. Läufer sind Opfer. Und zwar Opfer ihrer eigenen Einstellung zum Laufschuh. Mit welcher vorgefertigten Meinung du einen Laufschuh einsetzt, bestimmt deine Erfahrung mit diesem. Deine Erwartung lenkt deine Wahrnehmung.

Erwartest du von einem Aldi-Laufschuh, dass er drückt und schlecht dämpft, dann wirst du genau das an ihm wahrnehmen.  Die positiven Eindrücke verblassen dahinter.

Umgekehrt wirkt das auch bei einem Markenschuh. Aber genau in die andere Richtung. Sollte z.B. dein neues Asics-Modell – entgegen deiner Erwartung – im Laufgefühl nicht so passen wie der Vorgänger, findest du tausend Gründe, warum das so ist.

Der Laufschuh selbst hat natürlich keine Schuld. Da sind wir dann meister im “Schönreden”. Die Vorgänger haben doch immer gepasst. Der Schuh war doch teuer und muss daher gut sein. Es ist doch eine beliebte Marke….usw.

Meine ersten Erfahrungen mit Aldi Laufschuhen

Dieses Phänomen nennt man “selbsterfüllenden Prophezeiung”. Aber die wollte ich bewusst ausschalten. Ich ging daher die Sache ganz unvoreingenommen an und setzte meine Erwartungshaltung auf  “neutral”.

Doch so ganz wohl war mir nicht in meiner Haut, als ich ein Paar Aldi Laufschuhe in den Einkaufswagen legte. Sie waren blau. Einfarbig. In Größe 45 und wirklich nicht besonders schön anzusehen. “Hoffentliche sieht mich niemand”, dachte ich. Als mich ein anderer Kunde etwas länger als üblich ansah, fühlte ich mich wie ertappt. “Hoffentlich ist niemand da, der mich kennt.”

Als Extremläufer wurde über mich schon öfter in der regionalen Presse berichtet. Von daher hatte ich gewiss einen Ruf zu verlieren. So oder ähnlich dachte ich danaks. Nicht ganz ernst gemeint versteht sich.

Aber wirklich viel falsch machen konnte ich ja nichts. Der Schuh kostete schlappe 19,99 Euro. Außerdem würde ich ihn erst im Training über kürzere Distanz testen. So würde ich mir meine Füße und Gelenke auf keinen Fall ruinieren können.

Und außerdem hatten die Laufschuhe von Aldi ja die offiziellen Weihen eines Professor E. Hennig von der Universität Duisburg/Essen. Was sollte da schon schief gehen?

Der erste Eindruck

“Na ja, optisch ist er ja nicht gerade ein Renner”, das war mein erster Gedanke, als ich die Joggingschuhe im aktuellen Aldi-Werbeprospekt entdeckte. Auch beim Laufschuh kauft das Auge mit. Aber das schien den Aldi-Strategen offensichtlich nicht so wichtig zu sein. Ansonsten sah das Material recht brauchbar aus, wenn auch etwas weich im Griff. Der vordere Bereich des Schuhs schein mir außerdem etwas sehr breit zu sein.

Als Hauptargument gegen Aldi Laufschuhe wird meist mindere Qualität und Verarbeitung angeführt. Für uns Läufer gewiss gewichtige Argumente. Schließlich vertrauen wir den Laufschuhen nicht nur unsere sportliche Leistung, sondern auch unsere Gesundheit an. Die Laufschuhindustrie hat uns ja lange genug eingetrichtert, wie wichtig die Wahl des richtigen Laufschuhs für unseren sportlichen Erfolg, aber auch für unsere Gesunderhaltung ist.

Mein erster Testlauf mit Aldi Laufschuhen

Natürlich wollte ich meine neuen Aldi Laufschuhe nicht sofort über eine lange Distanz tragen. Daher mussten für den ersten Testlauf meine neuneinhalb Kilometer lange Hausstrecke herhalten. Bei einem neuen Laufschuh ist für mich das erste “Fußgefühl” ein wichtiger Indikator für den Tragekomfort. Und ich muss sagen, das war beim Aldi Laufschuh auf Anhieb ok.

Obwohl ich den Eindruck hat, dass der Halt eine Idee zu schwammig war. Daher zurrte ich die Schnürsenkel nochmals nach. Schon nach den ersten Metern viel mir die recht weiche Dämpfung auf. Ich bevorzuge normalerweise eher Joggingschuhe mit weniger Dämpfung. Das war für mich jetzt schon gewöhnungsbedürftig.

Bei der ersten Nutzung eines neuen Laufschuhs verspüre ich zu Beginn immer leichte Schmerzen im Fuß. Völlig normal, dass das auch jetzt der Fall war. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass diese etwas länger dauerten wie sonst. Vielleicht spielte mir hier meine verzerrte Wahrnehmung einen Streich, war meine Erwartungshaltung doch nicht so ganz neutral und eher skeptisch.

Gutes Laufgefühl mit Einschränkungen

Nach ungefähr 5 Kilometern trat der Gewöhnungseffekt ein. Und ich muss zugeben, ab da lief es sich fast perfekt in den Aldi Laufschuhen. Die Fußschmerzen waren verschwunden und ich begann mich an die weiche Dämpfung zu gewöhnen.

Auf einem geschotterten Teil meiner Laufstrecke empfand ich das sogar als angenehm. Ich spürte die kantigen und spitzen Steine des Untergrunds weit weniger als üblich.

Auch das Abrollverhalten empfand ich als gut. Da ich je nach Geländeprofil, zwischen den Laufstilen Verse, Mittelfuß oder Vorderfuß abwechsle, spielt das für mich jedoch nicht so eine große Rolle.

Nach der Eingewöhnungsphase steigerte ich das Lauftempo. Auch hier alles bestens. Als ich dann einen ersten Zwischensprint wagte, machte sich doch das weichere Material negativ bemerkbar.

Es fehlte mir deutlich an Halt und auch das Gefühl des Bodenkontakts war nicht so da. Es fühlte sich einfach schwammig an. Beim eher gemäßigten Lauftempo von 6 min/km war das ungute Gefühl dann wieder verschwunden.

Haben sich die ALDI-Laufschuhe letztlich bewährt?

Alles in allem hatte meiner erster Aldi Laufschuh-Test mich doch positiv überrascht. Ich hatte ehrlich gesagt Schlimmeres erwartet. Es traten in der Folgezeit keinerlei Beschwerden auf.

Ich tat es meinem Schwager gleich. Immer dann, wenn sich das Wetter schmuddelig präsentierte, griff ich bevorzugt zu den Aldi-Tretern. Ich traute mich dann auch über längere Distanzen. Selbst Halbmarathon-Distanz steckten sie problemlos weg.

Und dann doch…erste Materialschwächen

Was mir aber dann nach geschätzten 150 Laufkilometern auffiel, war die starke Abnutzung der Profilsohle im äußeren Fersenbereich. Bei Supinierern soll eine stärkere Abnutzung dort normal sein, aber bei mir als Neutralfüßler?? Zumindest hatte ich dieses Phänomen noch bei keinem anderen Laufschuh. Also höchste Zeit, den finalen Test über 50km in Angriff zu nehmen.

Mein finaler Testlauf über 50 Kilometer

Zur möglichen Schadensbegrenzung wählte ich eine Strecke auf dem Radweg entlang der Mosel. Bis auf ein Teilstück von 3km, weist dieser Straßenbelag auf. So startete ich an einem wunderschönen sonnigen Sommertag in Cochem. Mein Hund….leidenschaftlicher Ultraläufer….begleitete mich.

Es wurde ein wunderbarer Lauf in einem lockeren 6er-Lauftempo. Alles war im grünen Bereich, wie sonst auch. Die Aldi Laufschuhe verrichteten bestens ihren Dienst. Ich hatte keinerlei Probleme. Keine Blasen, kein Drücken, kein schlechtes Laufgefühl….nichts.

Spannend war natürlich die Frage, wie es in den Tagen unmittelbar danach aussehen würde. Aber auch da, keinerlei Probleme, die ich irgendwie auf den Laufschuh zurück hätte führen können. Natürlich waren die Muskeln müde und die Sehnen und Bänder etwas angestrengt. Aber die Regeneration verlief völlig normal.

Mein Fazit: Die Aldi-Laufschuhe hatten ihren Test eindeutig bestanden!

Das Ende der Aldi Laufschuhe naht

Aber wirklich lange einsetzen konnte ich sie in der Folge nicht mehr. Die Abnutzung der Sohle an besagter Stelle hatte dramatisch zugenommen. Ich spürte es mehr als deutlich beim Laufen. Es behinderte mich zunehmend. Auch schien es mir nun aus Gründen der Gesunderhaltung nicht länger vertretbar.

Das war’s dann also. Nach ungefähr 300 Laufkilometern bedeutete das, das endgültige Aus für dieses Paar Aldi-Laufschuhe! Aber: es sollte nicht mein letztes Paar vom Discounter sein!